Fred Wonneberger, Fußball-Landesliga-Trainer in Görlitz, zum Rückzug seiner Mannschaft, den Gründen und seiner Bilanz.

Von Frank Thümmler

Quelle: Sächsische Zeitung, Dienstag, 11.10.2016

Hochklassiger Fußball in Görlitz, das ist nach dem Rückzug der Landesliga-Mannschaft des NFV Gelb-Weiß Görlitz vor knapp drei Wochen für nicht absehbare Zeit Geschichte. Fred Wonneberger, der über acht Jahre Trainer der Mannschaft und fast die gesamte Zeit auch sportlicher Leiter war, hatte aus den ersten vier Spielen sechs Punkte geholt. Die Mannschaft stand auf Tabellenplatz acht, als der Vorstand diese endgültige Entscheidung über das Landesliga-Aus traf. Wie es ihm heute damit geht, wie sein Rückblick auf diese acht Jahre ausfällt und wo er die Gründe für das letztliche Scheitern des Landesligafußballs in Görlitz sieht, sagt der 50-Jährige im SZ-Interview.

Herr Wonneberger, wie sehen Sie mit ein paar Wochen Abstand die Entscheidung über den Rückzug Ihrer Mannschaft aus der Landesliga?

Das hat unglaublich wehgetan. Ich habe für diesen Verein noch selbst gespielt, war über acht Jahre lang Trainer. Ich habe mit ganzem Herzen an der Arbeit gehangen, manchmal vielleicht auch zu viel. So sehr, dass auch meine Familie darunter gelitten hat. In Urlaub zum Beispiel ist meine Frau meistens allein gefahren, weil ich immer aus gerade ganz wichtigen Gründen nicht weg konnte. Für mich war und ist der NFV ganz einfach mein Herzensverein. Aber, und das will ich klarstellen: Ich habe diese Entscheidung über den Rückzug der Mannschaft mitgetragen, im Vorstand dafür gestimmt. Und ich stehe zu dieser Entscheidung, so weh sie auch tut.

Inwieweit haben die Durchsuchung der Geschäftsräume und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft damit zu tun?

Wenn ich sagen würde, dass das für den Vorstand keine Rolle gespielt hat, wäre das sicher nicht richtig. Da die Ermittlungen laufen, kann und werde ich dazu aber nichts sagen. Nur so viel: Wenn man so im Fokus steht, nimmt einen das schon mit. Wenn man auf der einen Seite für seine ehrenamtliche Arbeit mit Flüchtlingen zum Beispiel, bei der Organisation von sportlichen Begegnungen usw., von allen Seiten gelobt wird, auf der anderen Seite aber wegen bestimmter Ausländer in der Mannschaft derartig verfolgt wird, hinterfragt man sich schon. Meine Konsequenz heißt, dass ich jetzt auch nicht mehr für die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit zur Verfügung stehe. Das sollen mal andere machen. Aber das allein war nicht der ausschlaggebende Grund für unsere Rückzugsentscheidung. Das Umfeld hat Landesligafußball in Görlitz aus meiner Sicht unmöglich gemacht.

Weil es nicht gelungen ist, genügend Spieler aus Görlitz und Umgebung ins Team zu integrieren, weil das Geld für andere nicht ausgereicht hat?

Fangen wir mal mit den Spielern aus Görlitz und Umgebung an. Als ich Anfang April 2008 den Trainerposten in Görlitz übernommen habe, befand sich die Mannschaft nach 16 Punkten aus 22 Spielen in allerhöchster Abstiegsnot. Damals hatte mein Vorgänger genau das versucht: Landesliga mit jungen Spielern aus Görlitz und Umgebung. Der Versuch war gescheitert. Ich habe dann erfahrene Spieler ins Team zurückgeholt. In den letzten acht Spielen haben wir, auch mit etwas Glück, zehn Punkte geholt und den Klassenerhalt geschafft. Aber – es war klar, dass wir uns für die neue Saison verstärken müssen. Wir haben die Mannschaft dann Jahr für Jahr umgebaut, sind Schritt für Schritt besser geworden. Das Ziel hieß ja zwischenzeitlich auch, in der Landesliga vorn mitzuspielen, vielleicht sogar einmal den Aufstieg in die Oberliga anzugehen.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie letztendlich zu wenige hiesige Spieler auf diesem Weg mitgenommen haben?

Das kann ich aus zwei Sichtweisen beantworten. Die eine ist die von außen. Schauen Sie doch mal in irgendeine Mannschaft in der Landesliga oder höher, die nicht gerade aus einer Großstadt kommt. Grimma zum Beispiel. Wissen Sie, wie viele Grimmaer in der Mannschaft spielen? Fast keiner. Wie sieht es in Kamenz oder Bischofswerda aus? Ähnlich. Selbst eine Klasse tiefer ist das doch schon so, wenn man sich etwa unsere Mannschaften aus dem Landkreis anschaut: Trebendorf, Bad Muskau oder Neusalza-Spremberg. Eintracht Niesky versucht gerade, mehr eigene junge Spieler einzusetzen, merkt aber auch, wie schwierig das auf diesem Niveau ist. Im Vergleich haben wir mit Jonathan Schneider, Richard Hildebrandt, in vergangenen Jahren mit Tino Pietsch, Tobias Eberlein, Clemens Russek oder auch Paul Lehmann – um nur einige Namen zu nennen – gar nicht so schlecht dagestanden.

Warum ist es so selten gelungen, talentierte Fußballer, die einst von Görlitz oder der Region aus auf Sportschulen gewechselt sind, wieder zurückzuholen, wenn sie den großen Sprung in den Profifußball nicht geschafft haben?

Natürlich habe ich zu solchen Spielern immer Kontakt gesucht. Zwei-, dreimal hat das ja auch geklappt. Lars Krüger, Richard Hildebrand und jetzt Tom Weihrauch sind ja Beispiele, dass das funktionieren kann. Aber man darf sich auch nichts vormachen. Die Jungs sind die Großstadt gewohnt, studieren vielleicht oder machen eine Ausbildung, zum Beispiel in Dresden, und können auch da Landesliga spielen. Warum sollen sie nach Görlitz kommen? Wegen der schönen Altstadt und weil man dort ganz nett ein Käffchen trinken kann, kommen die jungen Leute nicht her. Da braucht es handfestere Dinge, eine echte berufliche Perspektive zum Beispiel. Das trifft übrigens allgemein auf Spieler aus dem Dresdner Raum zu. Da haben wir gegenüber Vereinen wie Kamenz oder Bischofswerda wegen der größeren Entfernung einfach einen riesigen Nachteil. Ich habe früher schon mal gesagt: „Hinter dem Königshainer Tunnel ist für die meisten Schluss“, und das hat sich in vielen Gesprächen auch bewahrheitet.

Wenn es so schwierig ist, Spieler zum Beispiel aus Dresden nach Görlitz zu holen, wäre das doch ein Grund mehr, auf junge Leute von hier zu setzen, die nicht den Weg auf eine Sportschule gegangen sind, wie Eberlein oder Schneider zum Beispiel!

Richtig. Aber diese Spieler sind Ausnahmen, weil Talent allein eben nicht ausreicht. Ganz klar formuliert: Die Landesliga ist für mich die erste leistungsorientierte Liga. In dieser Liga beginnt der richtige Fußball. Da kommt man aus der Bezirksklasse nicht hin, wenn man vielleicht zweimal pro Woche trainiert. Und man kann auch nicht erwarten, dass man gleich Stammspieler ist. Drei-, teilweise sogar viermal Training pro Woche sind nötig – mit hoher Intensität. Für die ehemaligen Sportschüler ist das übrigens kein Problem. Die sind sogar mehr gewohnt und wollen – nicht müssen – so viel trainieren. Die Erfahrung der letzten Jahre hat aber gezeigt: Für viele Spieler aus der Region, die das Potenzial durchaus mitbringen, ist diese Belastung einfach zu hoch. Es fehlen letztendlich der Wille, der Biss, das über längere Zeit durchzuhalten und die Geduld, wenn es nicht gleich zum Stammplatz reicht. Ich lasse mir nicht vorwerfen, dass die Türen nicht offen gestanden hätten. Ich habe Spieler aus der Region gezielt angesprochen, einige haben sich auch versucht.

Also war der Weg über ausländische Spieler aus Ihrer Sicht der einzige?

Letztlich blieb uns gar nichts anderes übrig, wenn wir weiter Landesliga spielen wollten. Und was ist daran so schlimm, wenn man tatsächlich einen Kreis um Görlitz von 50, 60 Kilometern zieht? Einige Spieler, wie Miroslaw Sentivan, Frantisek Koblizek oder Kaddy Kazadi, haben gefühlt ja schon zum Inventar des NFV gehört, waren Identifikationsfiguren. Zu diesem Weg stehe ich.

Zuletzt wurde der Kreis aber größer als 50, 60 Kilometer. Warum?

Man darf nicht vergessen, dass das alles auch Geld kostet, Fahrtkosten, Aufwandsentschädigungen. Der Etat für die Mannschaft musste auf der anderen Seite deutlich reduziert werden. Wir haben es trotzdem geschafft, den Kern der Mannschaft zu halten. Das Angebot einer polnischen Spieleragentur, uns den schmalen Kader mit ausländischen Akteuren zu verbreitern, die in Polen leben, von der Sportagentur finanziert werden, aber ein Sprungbrett in den bezahlten Fußball suchen, kam uns da gerade recht. Als dieser Weg nach dem Festsetzen zweier brasilianischer Spieler auf dem Weg zum Training durch die Bundespolizei bei uns platzte, war uns klar, dass wir mit dem viel zu schmalen Kader keine Saison durchstehen. Wir haben die Notbremse gezogen, auch in dem Bewusstsein, dass unsere Arbeit in dieser Stadt kaum honoriert wird.

Meinen Sie damit die zuletzt stark gesunkenen Zuschauerzahlen?

Auch. Über die aus unserer Sicht nicht zufriedenstellende Unterstützung der Stadt hat unser Präsident ja schon gesprochen. Für unsere Sponsoren sind wir dankbar, aber in einer Stadt wie Görlitz müsste es eigentlich auch möglich sein, einen Landesliga- vielleicht sogar Oberligaetat zusammenzubekommen. Das ist für uns zuletzt immer schwieriger geworden. Bei den Zuschauerzahlen muss man sagen, dass mit diesem Phänomen alle zu kämpfen haben. In Niesky unter Flutlicht waren am Freitag gerade einmal 120 Zuschauer, dabei müsste nach dem Aufstieg doch Euphorie herrschen. In Kamenz kommen zu Heimspielen auch nur 100 Zuschauer. In Bautzen in der Regionalliga waren es zuletzt noch 400. Man könnte die Aufzählung fortsetzen. Wir alle haben das gleiche Problem: Wir bekommen die jungen Leute nicht mehr ins Stadion. Für die zählt nur der ganz kleine Sport, wo ihre Kumpels spielen, oder der ganz große, wie Dynamo Dresden.

Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter?

Erst einmal will ich mich bei all denen bedanken, die in den vergangenen Jahren mitgeholfen haben, in Görlitz Landesligafußball zu ermöglichen. Wie es mit mir persönlich weitergeht, weiß ich noch nicht ganz genau. Erst einmal steht eine Knie-OP an, die ich schon Jahre vor mir herschiebe, die sich aber inzwischen nicht mehr umgehen lässt. Ich habe auch gemerkt, dass ich nach den vielen Jahren – vor den acht Jahren in Görlitz war ich ja auch fünf in Bischofswerda – unbedingt eine Pause brauche. Erste Angebote habe ich deshalb auch abgelehnt. Mal sehen, ob sich im Fußball künftig wieder etwas ergibt.

Vielleicht doch wieder in Görlitz?

Das ist für mich derzeit kaum vorstellbar. Ich werde aber den Weg des Görlitzer Fußballs weiterverfolgen.